Muskelschwund: Krankheitsbild und Behandlung des Muskelabbaus für Sie erklärt

Datum: 18. Dezember 2018 • Autor: Kita.de Redaktion

Kind im Rollstuhl vor Tafel
  • Muskelschwund ist meist auf einen Gendefekt bzw. auf die Vererbung eines kaputten Chromosoms zurückzuführen.
  • Muskelschwund beim Kind gibt es in zwei Krankheitsformen: Muskeldystrophie Duchenne tritt bereits bei Kleinkindern auf. Die Becker-Kiener-Dystrophie zeigt sich im Schulalter.
  • Eine frühzeitige Behandlung kann den Krankheitsverlauf positiv beeinflussen.

Kinder watscheln – und das vor allem dann, wenn sie gerade das Laufen erlernt haben. Kinder fallen auch hin. Das ist ganz normal. Bleibt Ihrem Kind jedoch der Watschelgang erhalten und wird aus dem tollpatschigen Hinfallen fast schon Programm, könnte dies auch ein Hinweis auf eine Form von Muskelschwund sein. Wir erklären Ihnen, welche Krankheitsformen es beim Kind gibt und was das für Sie und Ihr Kind bedeutet.

1. Muskelschwund betrifft unterschiedliche Körperregionen

Ursachen

Die am häufigsten auftretenden Formen des Muskelschwunds, die bereits Neugeborene oder kleine Kinder betreffen, sind im Allgemeinen genetisch bedingt. Das Protein Dystrophin, das für den Muskelstoffwechsel verantwortlich ist, fehlt in der Erbanlage oder ist nicht zur Genüge vorhanden. Das wiederum führt zum Absterben der Muskelzellen.

Beim Muskelschwund sind unterschiedliche Körperregionen betroffen – vor allem aber Arme, Beine, Oberschenkel, Rücken, Rumpf, Gesicht sowie Herz-, Schluck und Atemhilfsmuskeln. Als Muskelschwund werden diese Muskelerkrankungen deswegen bezeichnet, weil sie vom Muskelabbau und der Muskelverringerung gekennzeichnet ist. Dieser geht eine sukzessive Muskelschwäche voraus. Die Muskulatur bildet sich zurück.

Ursache und Auslöser des Muskelschwunds sind absterbende Muskelzellen oder Nervenzellen, die für die Versorgung der Muskelzellen zuständig sind. Eine gestörte Impulsübertragung zwischen Nerven und Muskeln kann ähnliche Symptome hervorrufen.

1.1 Kinder bekommen Muskelerkrankungen wie Muskeldystrophie Duchenne oder leiden an der Becker-Kiener Dystrophie

Der Muskelschwund tritt beim Kind in verschiedenen Formen auf, die nach ihren jeweiligen Entdeckern benannt sind. Duchenne und Becker-Kiener sind bei Kindern die am häufigsten verbreiteten Formen der Muskelkrankheit.

  • An der Duchenne Muskeldystrophie leiden ausschließlich männliche Patienten. Sie tritt bereits bei Kleinkindern auf. Im Schnitt ist ein Kind von 3.500 Neugeborenen davon betroffen. Duchenne ist eine Erbkrankheit, die Mütter tragen und ausschließlich an ihre Söhne vererbbar ist.
  • Die Becker-Kiener-Dystrophie ist seltener, stellt sich meist im Schulalter oder später ein und verläuft langsamer und weniger ausgeprägt.

1.2. Bei der ALS-Krankheit und bei der MS-Krankheit ist das zentrale Nervensystem betroffen

Die Amyotrophe Lateralsklerose (ALS-Krankheit) ist seit der Mitte des 19. Jahrhunderts bekannt und eine chronisch-degenerative Erkrankung des zentralen Nervensystems. Betroffene leiden an fortschreitenden Muskellähmungen und brauchen häufig recht früh einen Rollstuhl. Später bereitet auch das Atmen, Schlucken und Sprechen Probleme. Obwohl die ALS-Krankheit oft innerhalb weniger Jahre zum Tod führt, kann man auch noch Jahrzehnte damit leben. Berühmtestes Beispiel dafür ist der Astrophysiker Stephen Hawking.

Etwa 2,5 Millionen Menschen weltweit haben die MS-Krankheit, Multiple Sklerose. Die MS-Krankheit beginnt im frühen Erwachsenenalter, dabei erkrankt das Nervensystem. Auch wenn die landläufige Meinung vorherrscht, Multiple Sklerose sei keine Form von Muskelschwund. Der Krankheitsverlauf sieht so aus: Die Krankheit kann tödlich verlaufen, muss sie aber nicht. Auch ein Leben im Rollstuhl ist nicht zwingend eine Folge, wohingegen Probleme beim Sehen, Missempfindungen oder häufiges Stolpern mögliche Anzeichen für Multiple Sklerose sein können. Entstehen Entzündungsherde, bewirken diese einen MS-Schub. MS lässt sich nicht ursächlich heilen, deswegen erstreckt sich die MS-Therapie auf eine Schubtherapie, eine verlaufsmodifizierte Therapie und auf eine symptomatische Therapie.

2. Trinkschwäche und eine verzögerte Entwicklung können erste Symptome der Muskelkrankheit sein

Kind krabbelt auf Boden

Dass Kinder stolpern ist ganz normal. Allerdings könnte der Watschelgang auch ein Anzeichen von Muskelschwund sein.

Je nach Alter, Krankheitsfortschritt sowie dem Typ des Muskelschwunds variieren auch die Symptome. Allen gemein ist jedoch diese Entwicklung: Es sind immer die Bewegungen eingeschränkt oder unmöglich, deren Muskelgruppen von der Dystrophie betroffen sind. Rückenschmerzen können auftreten, wenn sich die Muskulatur so stark zurückbildet, dass die Last der Knochen schmerzt.

Bereits im Mutterleib können erste Anzeichen zu erkennen sein, beispielsweise dann, wenn sich das ungeborene Kind auffällig wenig bewegt. Betroffene Neugeborene weisen oft eine Trinkschwäche auf und ihre Entwicklung kann sich entsprechend verzögern. Bei der motorischen Entwicklung können sie Probleme damit haben, den Kopf zu heben oder Gehen zu lernen.

Kann ein Kind schon Laufen wenn es erkrankt, geht die inzwischen aufgebaute Muskelkraft sowie die Bewegungsfreiheit verloren. Anfangs kommt es zu tollpatschigem Stolpern, das Treppensteigen fällt schwer oder Ihr Kind braucht Unterstützung beim Aufstehen.

Achtung: Zu Beginn bemerken Eltern den für den Muskelschwund charakteristischen Watschelgang. Betroffene Kinder haben oft kräftig wirkende Waden, was aber nur Fettablagerungen anstatt Muskelmasse sind. Eine Muskelschwäche ist zu beobachten, Muskelschmerzen hingegen eher seltener.

3. Diagnose: Mithilfe eines Gentests oder einer Muskelbiopsie bekommen Sie Gewissheit über eine etwaige Muskelkrankheit

Teenager sitzt im Rollstuhl

Ihre Gehfähigkeit verlieren Kinder, die am Muskelschwund Typ Duchenne leiden, in der Regel nach ihrem achten Lebensjahr.

Die Diagnose erfolgt durch einen Gentest oder eine Muskelbiopsie. Auch ist eine Blutuntersuchung im Labor möglich, da durch den Muskelabbau auch die Muskelenzyme im Blut zunehmen. Auffällige Muskelaktivitäten können außerdem durch eine Elektromyografie festgestellt werden.

Der Verlauf der Krankheit hängt davon ab, in welchem Alter und in welchem Stadium Sie die Dystrophie bei Ihrem Kind erkennen. Werden früh erkrankte Kinder nicht therapiert, verschlechtert sich deren Zustand meist schneller als bei denen, die erst später erkranken.

Falls Sie Beschwerden, Verhaltensauffälligkeiten oder Entwicklungsverzögerungen im Zusammenhang mit Auffälligkeiten der Bewegungsfähigkeit feststellen, sollten Sie unbedingt einen Arzt aufsuchen. Um eine geeignete Therapie für Muskelschwund beim Kind beginnen zu können, ist eine frühzeitige Diagnose extrem wichtig.

Ein Beispiel aus der Praxis: Ihre Gehfähigkeit verlieren Kinder, die an Muskeldystrophie Duchenne leiden, in der Regel zwischen dem 8. und dem 15. Lebensjahr. Anschließend brauchen sie einen Rollstuhl, um sich fortzubewegen. Auch die Lebenserwartung ist stark vermindert. Neue Therapien ermöglichen jedoch auch ein Leben bis jenseits der vierzig Jahre. Ab 30 oder ab 40 vergrößern sich vor allem die psychologischen Probleme, die mit dem Muskelschwund einhergehen.

4. Behandlung: Ergo- und Physiotherapie für den Körper, psychologische Betreuung für die Seele

Aktuell setzt die Therapie symptomatisch an den betroffenen Muskelgruppen an, da sich die Maßnahmen der Gentechnik noch in der Forschung befinden. Das Ziel der Therapie bei Muskelschwund ist der Erhalt der Lebensqualität, die wiederum durch die bestmögliche Funktionsfähigkeit der Muskeln bedingt wird.

Um möglichen Folgeerscheinungen wie Atemwegserkrankungen oder Muskelschmerzen vorzubeugen, sind Ergo- und Physiotherapie gut geeignet. Dadurch wird nicht nur die Mobilität so gut wie möglich erhalten. Auch unterstützende Hilfsmittel können so frühzeitig verordnet werden.

Medikamentöse sowie operative Behandlungen können die Therapie begleiten. Regelmäßiges Atemtraining oder nächtliche Beatmung ist in manchen Fällen notwendig.

Tipp: Muskelschwund an sich ist zwar nicht durch Medikamente heilbar, durch eine entsprechende Therapie kann der Verlauf dennoch positiv beeinflusst werden. Auch homöopathische Mittel gegen Muskelschwund gibt es nicht. Nur der Muskelschwund ab 60 (Sarkopenie, Rheuma) lässt sich partiell mit guter Ernährung verlangsamen.

4.1. Die psychologischen Folgen betreffen Kinder, Eltern und Verwandte

Nicht weniger wichtig ist die psychologische Betreuung. Diese betrifft nicht nur die Patienten selbst, sondern auch Eltern und Geschwister. Muskelschwund stellt für alle Beteiligten eine psychische Belastung dar. Ständige Einschränkungen machen den Betroffenen selbst zu schaffen. Eltern müssen den Pflegeaufwand stemmen. Auch Geschwister brauchen Unterstützung und Antworten auf die Fragen:

  • Was ist Muskelschwund?
  • Warum habe ich Muskelschwund?
  • Warum bekommt man Muskelschwund?
  • Wann bekommt man Muskelschwund?
  • Wer hat Muskelschwund?

Betroffene finden bei Selbsthilfegruppen wie der Deutschen Muskelschwundhilfe oder der Deutschen Gesellschaft für Muskelkranke immer ein offenes Ohr.

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