Spielzeugfreier Kindergarten: Das Konzept für die Kindererziehung erklärt

  • Der spielzeugfreie Kindergarten wurde in erster Linie als Suchtprävention ins Leben gerufen. Ziel ist es, einen Überfluss an Spielzeug zu verhindern und damit die Fantasie anzuregen.
  • Durch dieses Konzept verändert sich die Rolle der Erzieher. Sie treten nun nicht mehr als „Animateur“, sondern lediglich als Beobachter und Begleiter auf.
  • Der Tagesablauf folgt keiner klaren Struktur, sondern besteht aus vielen Freiräumen.

In unserer Vorstellung gehört eine Menge Spielzeug in den Kindergarten. Bei Spielzeug handelt es sich jedoch um ein beliebtes Konsumgut, welches mittlerweile im Überfluss vorhanden ist. Ein spielzeugfreier Kindergarten stellt dabei ein Modell dar, welches weitestgehend auf Spielsachen verzichtet.

In unserem Ratgeber beschäftigen wir uns näher mit diesem speziellen Konzept. Wir zeigen Ihnen, welche Auswirkungen diese Pädagogik auf den Tagesablauf hat und wie sich das Bild vom Kind und Erzieher verändert. Außerdem geben wir Ihnen Tipps, wie Sie den Alltag nach diesem Prinzip gestalten können. Zuletzt bekommen Sie einen Überblick über die wichtigsten Vor- und Nachteile dieser Konzeption.

1. Spielzeugfreier Kindergarten als Suchtprävention

viele Spielsachen

Der Überfluss von Spielzeug kann später zu einem erhöhten Suchtverhalten führen.

„Kinder haben einen viel zu vollen Terminkalender“, so lautet die Aussage der Projektinitiatoren des spielzeugfreien Kindergartens. Dadurch, dass keine Langeweile aufkommt, gebe es keinen Spielraum für Fantasie und Kreativität. Das meiste Kinderspielzeug ist bereits so vorgefertigt, dass es den Kindern keinen Freiraum bei der Gestaltung lässt.

Ausgangspunkt für die Entstehung des spielzeugfreien Kindergartens stellt die Beschäftigung eines Arbeitskreises mit dem Thema Sucht dar. Im Jahr 1993 entstand daraufhin das erste Projekt zum Thema „spielzeugfreier Kindergarten“.

Diese Art der Kindererziehung wird also als Präventionsmaßnahme gegen Suchtverhalten genutzt. Denn laut Forschern sei es wichtig, bereits im Kindergartenalter mit der Suchtprävention zu beginnen, damit Kinder später in kein Suchtverhalten fallen und Lebenskompetenz erwerben können.

Welt-Drogenreport

Laut Welt-Drogenreport können Projekte zur Stärkung der Lebenskompetenz einen präventativen Einfluss auf den späteren Suchtmittelkonsum haben. Das Risiko kann dadurch um etwa 20% gesenkt werden.

Lebenskompetenz bedeutet, dass Kinder

  • Partizipation erfahren.
  • Probleme eigenständig lösen können.
  • sich selbst kennenlernen.
  • kritisch denken und Entscheidungen treffen können.
  • sich in andere hineinversetzen können.
  • lernen, Stress zu bewältigen.

Wichtig: Spielen stellt ein Grundbedürfnis von Kindern da und sollte gefördert werden. Da sich bei diesem Modell in den meisten Fällen lediglich um ein Projekt handelt, ist die Entfernung des Spielzeugs für einen begrenzten Zeitraum angedacht.

2. Erzieher treten lediglich als Begleiter und Helfer auf

Kinder liegen bei einander

Ein spielzeugfreier Kindergarten fördert die soziale Kompetenz.

Die Art der Kinderbetreuung verändert sich sehr stark in einem spielzeugfreien Kindergarten. Diese Veränderung bezieht sich sowohl auf die Rolle der Erzieher und Kinder als auch auf die der Eltern. Dadurch, dass die Erzieher Spielideen und Aktivitäten nicht mehr vorgeben, sind die Kinder dazu angehalten, sich mit sich selbst zu beschäftigen.

Statt zu lenken, sollen Erzieher die Kinder lediglich unterstützen und bei ihren Aktivitäten begleiten. Dabei spielt auch die Beobachtung der Kinder eine wichtige Rolle. Wird ein Kind beispielsweise von der Gruppe schlecht behandelt oder ausgegrenzt, ist es wichtig, dass die Erzieher eingreifen und Unterstützung bieten.

Ein spielzeugfreier Kindergarten setzt sich außerdem zum Ziel, die Interaktion der Kinder untereinander zu fördern. Dadurch, dass sich kaum noch Materialien in der Einrichtung befinden, ist es nicht mehr möglich, sich mit einem Spielzeug in eine Ecke zurückzuziehen. Das führt dazu, dass die Kinder mehr miteinander reden und gemeinsam kreative Spiele entwickeln.

Das Konzept kann zudem nur dann sinnvoll durchgezogen werden, wenn die gesamte Familie miteinbezogen wird. Verschiedene Workshops und Elternabende sorgen dafür, dass die Eltern einen umfassenden Überblick über dieses Kindergartenkonzept bekommen. Zudem können Sie entscheiden, ob sie dieses Projekt auch Zuhause fortführen möchten.

3. Der Tagesablauf in einem spielzeugfreien Kindergarten

Kissenschlacht

Spielmaterialien wie Kissen, Decken oder Tücher sind erlaubt.

Kinder müssen lange im Voraus auf dieses Projekt bzw. Modell vorbereitet werden. Das bedeutet, dass Erzieher ihnen mithilfe von Spielen oder Geschichten die Ziele des Konzepts näherbringen. So können die Kinder beispielsweise gemeinsam überlegen, was man alles mit verschiedenen Gegenständen, wie beispielsweise einem Stuhl oder einem Tisch, anfangen kann.

Daraufhin wird das Kinderspielzeug nach und nach aus den Räumen entfernt. Dass jedoch gänzlich auf Spielmaterial verzichtet wird, ist eine falsche Annahme. Vielmehr geht es vor allem darum, dass das Spielzeug im Kindergarten bewusst ausgewählt wird. Während Fertigspielzeug verboten ist, sind Naturmaterialien, Tücher, Decken und das Mobiliar durchaus erwünscht.

Die Gesamtdauer des Projekts kann mit Vor- und Nachbereitung beispielsweise etwa ein Jahr betragen. Um diese Art der Kinderbetreuung sinnvoll zu gestalten, müssen die Kinder auch hier grundsätzliche Regeln beachten. Feste Strukturen und Rituale sollten Sie hingegen für diese Zeit aussetzen, da diese dem Prinzip nicht entsprechen würden.

Es spricht nichts dagegen, den Tag mit einem Morgenkreis zu beginnen. Danach sollten die Kinder jedoch selbst entscheiden, wann sie beispielsweise frühstücken oder etwas spielen möchten. Wahrscheinlich wird es in dieser spielzeugfreien Zeit auch zu Langeweile kommen. Diese sehen Befürworter jedoch eher als Vorteil, da Langeweile die Kreativität enorm fördern kann.

Tipp: Turnen, Bewegungsspiele, Lieder singen oder Kreisspiele können so umfunktioniert werden, dass sie ohne viel Material auskommen und somit dem Prinzip entgegenkommen.

4. Vor- und Nachteile von spielzeugfreien Kindergärten

Mittlerweile gibt es deutschlandweit viele Kindertageseinrichtungen, die dieses Projekt bereits erfolgreich durchgeführt haben. Das Konzept zählt insgesamt zu den effektivsten Modellprojekten in ganz Europa. Dennoch wurde natürlich auch Kritik laut, die sich sowohl auf das theoretische Konstrukt als auch die Umsetzung bezieht.

Im Folgenden zeigen wir Ihnen die wichtigsten Vor- und Nachteile einer spielzeugfreien Kita auf:

  • Förderung der Fantasie und Kreativität
  • erfolgreiche Möglichkeit der Suchtprävention
  • Befriedigung der individuellen Bedürfnisse der Kinder
  • Kinder erhalten Freiräume, um ihre Persönlichkeit zu entfalten
  • Stärkung der Lebenskompetenzen
  • nicht für jedes Kind geeignet
  • aktive Erziehung und Bildung rücken in den Hintergrund
  • Kinder beschäftigen sich nur mit ihren Stärken, nicht mit ihren Schwächen
  • einige sinnvolle Kindergarten-Spiele können nicht mehr umgesetzt werden

Wichtig: Jeder Kindergarten kann für sich entscheiden, in welchem Maße dieses Konzept in der Einrichtung Anwendung findet. Sie können es sowohl als Projekt als auch als Leitbild der Kita nutzen.

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