Orientierungsphase, Machtkampfphase, Vertrautheitsphase, Differenzierungsphase, Abschluss- und Trennungsphase. Entdecken Sie mehr dazu…
In der Pädagogik beziehen sich Gruppenphasen auf die verschiedenen Stadien, die Lerngruppen durchlaufen, um effektiver zu interagieren und zu lernen.
Nach der Orientierungsphase folgt die Machtkampfphase, in der die Gruppenmitglieder um Rollen und Status innerhalb der Gruppe ringen. Weiteres hier…
Das Modell der Gruppenphasen geht auf die US-amerikanischen Sozialwissenschaftler Saul Bernstein und Louis Lowy zurück, die es 1975 an der Boston University School of Social Work entwickelten. Es beschreibt fünf Phasen, die eine Gruppe von ihrer Entstehung bis zur Auflösung durchläuft: Orientierung, Machtkampf, Vertrautheit, Differenzierung sowie Abschluss und Trennung.
In der deutschen Sozialpädagogik gelten die Gruppenphasen nach Bernstein und Lowy als entscheidend, um zu verstehen, wie Teams sich entwickeln und zusammenarbeiten. Inwiefern diese Phasen in der Kita eine Rolle spielen, erklärt unser Beitrag.

Eine Gruppe ist eine Gruppe von zwei oder mehr Personen, die regelmäßig interagieren und sich als Teil eines gemeinsamen Ganzen betrachten. Gruppen können in vielen Kontexten existieren, z. B. in Arbeitsumgebungen, Bildungseinrichtungen oder sozialen Kreisen, und sind durch gemeinsame Ziele, Interessen oder Werte gekennzeichnet.
Die Struktur und Dynamik einer Gruppe kann unterschiedlich sein. Sie können formell oder informell, kurzlebig oder dauerhaft sein. Das Verständnis dieser Gruppendynamiken ist entscheidend für die Förderung effektiver Interaktionen und den Umgang mit Konflikten, sowohl in pädagogischen als auch in beruflichen Kontexten.
Als Gruppenphasen werden die dynamischen Phasen bezeichnet, die eine Gruppe von ihrem ersten Zusammentreffen bis zu ihrer Auflösung durchläuft. Diese Phasen sind nicht nur in der Pädagogik relevant, sondern auch in der Arbeitswelt, in Freiwilligenorganisationen und sogar in sozialen Kreisen. Sie helfen uns, die komplexen Interaktionen in Gruppen zu verstehen und können uns lehren, wie wir in den verschiedenen Phasen der Gruppenentwicklung am besten handeln.
Saul Bernstein und Louis Lowy gehörten zu einem Team von Gruppenpädagogen an der Boston University School of Social Work, das das Verhalten von Menschen in Gruppen erforschte. Ihr 1975 vorgelegtes Entwicklungsmodell der sozialen Gruppenarbeit wurde im deutschsprachigen Raum zum anerkanntesten Modell der Sozialarbeit und Sozialpädagogik.
Wichtig ist: Die fünf Phasen sind kein starres Schema. Sie dauern nicht bei jeder Gruppe gleich lang, und eine Gruppe kann auch in eine frühere Phase zurückfallen, etwa wenn neue Mitglieder dazukommen.
In dieser ersten Phase treffen sich die Mitglieder oft zum ersten Mal. Es herrscht eine gewisse Unsicherheit, da jeder versucht, sich selbst und die anderen zu verstehen. Die Mitglieder sind höflich und vorsichtig, da sie noch nicht wissen, was von ihnen erwartet wird und wie sie sich einbringen sollen. Diese Phase ist geprägt von Fragen und dem vorsichtigen Abtasten von Grenzen und Möglichkeiten innerhalb der Gruppe.
Nachdem die erste Unsicherheit überwunden ist, beginnt die Phase des Machtkampfes. Hier werden die Rollen in der Gruppe ausgehandelt. Es kann zu Konflikten und Meinungsverschiedenheiten kommen, da jedes Mitglied versucht, seinen Platz in der Gruppenhierarchie zu finden und zu behaupten. Dies ist eine kritische Phase, in der die Leitung gefordert ist, konstruktive Lösungen zu fördern und dafür zu sorgen, dass der Konflikt nicht die Oberhand gewinnt.
Haben sich die Rollen stabilisiert, tritt die Gruppe in die Vertrautheitsphase ein. Die Mitglieder beginnen, einander zu vertrauen und effektiver zusammenzuarbeiten. Es entwickelt sich ein Gefühl der Zusammengehörigkeit und der gegenseitigen Unterstützung. In dieser Phase ist es möglich, dass die Gruppe ihre produktivsten und kreativsten Leistungen erbringt.
Während der Differenzierungsphase erkennen die Gruppenmitglieder, dass ihre individuellen Unterschiede für die Gruppe von Nutzen sein können. Ein Gleichgewicht zwischen Gruppenkohäsion und individueller Autonomie wird angestrebt. Diese Phase kann zu einer tieferen Integration von Gruppenzielen und persönlichen Zielen führen.
Schließlich erreicht jede Gruppe die Abschluss- und Trennungsphase. Ob durch das Erreichen des Gruppenziels oder durch äußere Umstände – diese Phase ist geprägt von Reflexion über die gemeinsame Zeit und oft auch von Vorbereitungen auf das, was danach kommt. Es ist eine Zeit des Abschieds, aber auch der Würdigung dessen, was gemeinsam erreicht wurde.
Die Gruppenphasen nach Bernstein und Lowy sind in der folgenden Tabelle zusammengefasst:
| Phase | Was in der Gruppe passiert | Rolle der Erzieherin |
|---|---|---|
| Orientierung | Kinder lernen sich kennen, tasten Grenzen ab, sind unsicher und vorsichtig | Sicherheit geben, klare Strukturen und Rituale schaffen, Orientierung bieten |
| Machtkampf | Rollen und Status werden ausgehandelt, Konflikte entstehen | Konflikte konstruktiv begleiten, faire Lösungen fördern, nicht unterdrücken |
| Vertrautheit | Vertrauen wächst, Kinder arbeiten harmonisch zusammen | Gemeinschaftsgefühl stärken, gemeinsame Projekte anbieten |
| Differenzierung | Individuelle Unterschiede werden anerkannt und geschätzt | Einzelne Talente einbinden, Balance aus Gruppe und Individuum unterstützen |
| Abschluss und Trennung | Gruppe bereitet sich auf das Ende vor, etwa beim Schulübergang | Übergang positiv gestalten, gemeinsame Zeit reflektieren, Abschied würdigen |
Neben Bernstein und Lowy gibt es ein international noch bekannteres Modell der Gruppenentwicklung: das Phasenmodell des US-Psychologen Bruce Tuckman von 1965. Beide beschreiben ähnliche Entwicklungen, verwenden aber unterschiedliche Begriffe. Die folgende Gegenüberstellung hilft, die Modelle einzuordnen.
| Bernstein und Lowy (1975) | Tuckman (1965) | Gemeinsamer Kern |
|---|---|---|
| Orientierungsphase | Forming | Kennenlernen, Unsicherheit, Orientierung |
| Machtkampfphase | Storming | Konflikte, Rollenklärung, Aushandeln von Status |
| Vertrautheitsphase | Norming | Regeln und Vertrauen entstehen, Zusammenhalt wächst |
| Differenzierungsphase | Performing | Produktive Zusammenarbeit, individuelle Stärken |
| Abschluss- und Trennungsphase | Adjourning | Auflösung der Gruppe, Reflexion, Abschied |
Der wesentliche Unterschied liegt im Hintergrund: Bernstein und Lowy entwickelten ihr Modell aus der sozialen Gruppenarbeit und der Pädagogik, Tuckman aus der Psychologie der Arbeits- und Teamgruppen. Für die pädagogische Arbeit in der Kita ist das Modell von Bernstein und Lowy besonders anschlussfähig, weil es den Entwicklungs- und Begleitungsgedanken in den Mittelpunkt stellt.

Aus dem Verständnis der Gruppenphasen nach Bernstein und Lowy können wir wichtige Lehren für unsere Interaktionen in verschiedenen Umgebungen ziehen, sei es am Arbeitsplatz, in Bildungseinrichtungen oder in sozialen Gruppen.
Zum einen lehrt uns das Wissen dieser Phasen, dass jede Gruppe eine natürliche Entwicklung mit unvermeidlichen Höhen und Tiefen durchläuft. Die Kenntnis dieser Zyklen kann uns helfen, geduldiger und verständnisvoller zu sein, wenn eine Gruppe Schwierigkeiten oder Konflikte hat. Zum Beispiel kann ein bewusster Umgang mit Konflikten in der Phase des Machtkampfes dazu beitragen, dass diese Phase zu einer Quelle der Stärkung und nicht der Spaltung wird.
Leiter und Mitglieder, die verstehen, dass Konflikte oft notwendig sind, um individuelle Rollen und die Gruppenstruktur zu klären, können aktiv darauf hinarbeiten, dass diese Konflikte konstruktiv und nicht destruktiv sind.
Zudem bieten die Gruppenphasen Einblicke in die Bedeutung des Führungs- und Mitgliederverhaltens in jeder Phase. Beispielsweise erfordert die Orientierungsphase oft eine stärkere Führungsrolle, um Unsicherheiten zu minimieren und eine klare Richtung vorzugeben. In späteren Phasen, wie der Vertrautheits- und Differenzierungsphase, kann eine partizipativere Führung erforderlich sein, die die Beiträge aller Mitglieder fördert und anerkennt.
Diese Anpassung des Führungsstils an die Bedürfnisse der Gruppe kann entscheidend dafür sein, wie effektiv die Gruppe ihre Ziele erreicht und wie harmonisch und produktiv das Gruppenklima ist. Das Bewusstsein für die Dynamik der verschiedenen Phasen ermöglicht es Mitgliedern und Leitern, proaktiv zu handeln und die Entwicklung ihrer Gruppe positiv zu beeinflussen.
Wer die Gruppendynamik nicht nur verstehen, sondern in der Kita oder Gruppe konkret fördern möchte, kann auf Kooperationsspiele zurückgreifen. Der Erzi Teamturm ist ein Beispiel, das die typischen Gruppenprozesse Aushandeln, Abstimmen und Zusammenarbeiten direkt erfahrbar macht.
Hersteller: Erzi | Material: Buche und Polypropylen | Alter: ab 3 Jahren (Benutzung nur unter Aufsicht) | Inhalt: 6 Hartholzklötze, Bügel mit Seilaufnahme, 12 Schnüre, Aufbewahrungsbeutel
Beim Teamturm hält jedes Kind eine oder zwei Schnüre in der Hand, die in der Mitte an einer Scheibe zusammenlaufen. Nur wenn die Gruppe sich abstimmt und gemeinsam an den Schnüren zieht, lassen sich die Holzklötze aufheben und zu einem Turm stapeln. Allein gelingt das nicht. Gefragt sind Koordination, Kommunikation und Geduld.
Warum es zum Thema passt: Das Spiel macht genau die Mechanismen sichtbar, die Bernstein und Lowy beschreiben. In der Orientierungsphase tasten sich die Kinder an die Aufgabe heran, in der Machtkampfphase wird ausgehandelt, wer wann zieht, und mit wachsender Vertrautheit entsteht echtes Zusammenspiel. Für pädagogische Fachkräfte ist es damit nicht nur ein Bewegungsspiel, sondern ein Werkzeug, um Gruppenprozesse zu beobachten und gezielt zu begleiten. Das gegenseitige Absprechen fördert zudem die Sprachentwicklung.
Im Kindergarten bzw. in der Kita durchlaufen die Kinder Gruppenphasen, die ihren Entwicklungsbedürfnissen angepasst sind. Das Verständnis dieser Phasen hilft den Erziehern, die Dynamiken und Interaktionen effektiv zu unterstützen:
Orientierungsphase:
Machtkampfphase:
Vertrautheitsphase:
Differenzierungsphase:
Abschluss- und Trennungsphase:
Wie sich diese Phasen ganz konkret im Kita-Alltag zeigen und begleiten lassen, lesen Sie vertiefend im Beitrag Gruppenphasen in der Kita.
Die Gruppenphasen nach Bernstein und Lowy bieten wertvolle Einsichten, die in fast jedem Aspekt des Lebens Anwendung finden können. Sie lehren uns nicht nur, wie Gruppen arbeiten, sondern auch, wie wir als Individuen in verschiedenen sozialen und beruflichen Situationen agieren können. Indem Sie diese Phasen verstehen, erkennen, besser navigieren und Einfluss nehmen, sowohl als Gruppenmitglied als auch in Führungsrollen.