Waldorf-Pädagogik: Was steckt hinter dem Waldorfkonzept?

Waldorf-Pädagogik
  • Die Waldorf-Pädagogik zeichnet sich durch eine starke Fokussierung auf den Erzieher aus.
  • Holzspielzeuge und in der Natur vorkommende Objekte dienen als Spielzeug.
  • Grelle Farben und gezwungene Handlungen sind dem Konzept fremd.

Den Begriff Waldorf haben die meisten Menschen inzwischen schon einmal gehört. Im Jahr 2018 gibt es laut Angaben der Freunde der Erziehungskunst Rudolph Steiners weltweit etwa 1817 Kindergärten sowie 1150 Schulen, die die Waldorf-Pädagogik umsetzen.

Aber was versteckt sich eigentlich hinter diesem Konzept? Welches Bild vom Kind steht im Vordergrund und warum gibt es Kritik an der Waldorf-Erziehung?

In unserem Ratgeber gehen wir umfassend auf das Menschenbild der Waldorfpädagogik ein, erklären die Rolle des Erziehers, sodass Sie sich selbst einen Eindruck über das Konzept machen können.

1. Der Beginn der “antiautoritären” Erziehung

Waldorfpädagogik Grundsätze für Erzieher

Frühere Kindergärten unterscheiden sich deutlich von den heutigen Unterkünften.

Die Waldorf-Pädagogik entstand kurz nach Ende des Ersten Weltkrieges im Jahr 1919. Es bedurfte einiges an Zufall, um es dem Gründer des Waldorfkonzepts Rudolf Steiner zu ermöglichen, eine erste Schule zu eröffnen.
Dem Chef einer Zigarettenfirma mit dem Namen Waldorf-Astoria lag das Wohl seiner Angestellten bzw. deren Kindern am Herzen, sodass er beschloss, eine Schule zu gründen. Diese Aufgabe übernahm Rudolf Steiner, der sich zuvor einen Namen als Publizist, Esoteriker und Vortragsredner gemacht hatte.

Der Waldorf-Pädagogik liegen im Kern die Grundsätze der Anthroposophie zugrunde. Dabei spielen sowohl revolutionäre als auch spirituelle und pädagogische Gedanken eine zentrale Rolle.

Im Zentrum steht eine soziale Gliederung in drei Bereiche:

  • Die geistige Ebene umfasst die Bereiche der Wissenschaft, der Religion sowie der Bildung und Kultur.
  • Das Leben im Rechtsstaat beinhaltet allgemein geltende Regeln, Gesetze und universell geltende Vereinbarungen der Menschen untereinander.
  • Unter den wirtschaftlichen Bereich subsummiert Steiner die Bereiche des Handels, der Produktion sowie des Konsums.

Im Sinne des Gedankens der französischen Revolution verbindet der Schöpfer der Waldorf-Pädagogik die Bereiche mit den zentralen Begriffen Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit.

2. In der Waldorf-Pädagogik hat alles seine Zeit

Menschenbild Waldorfpädagogik

Die körperliche Entwicklung geht der geistigen voraus.

Strenge Regeln und stures Lernen haben im Waldorf-Kindergarten keinen Platz. Vielmehr zielt das ganzheitliche Konzept der Waldorf-Erziehung darauf ab, dass jedes Kind sich individuell sowohl körperlich als auch geistig weiterentwickelt.
Kinder sollen zunächst lernen, sich zu bewegen und aufrecht zu gehen, bevor die kognitiven Fähigkeiten gefördert werden.

Die Kindererziehung kann nach den Grundsätzen der Waldorfpädagogik erst zu dem Zeitpunkt ansetzen, zu welchen die körperliche Reife erreicht ist. Die Verfechter dieser Theorie kritisieren viele moderne Kindergärten darin, dass die kognitiven Eigenschaften zu sehr in den Fokus gerückt werden, sodass die körperliche Reife erst deutlich später erlangt wird.

Die Ziele der Waldorfpädagogik liegen darin, das perfekte Timing zu finden, um Kindern bei ihrer freien Entwicklung zu helfen und sie zu unterstützen.

Dabei geht die klare Reihenfolge:

  • Jedes Kind muss zunächst gehen lernen.
  • Als nächstes erfolgt die Entwicklung des Sprachschatzes.
  • Als letzten Schritt sieht die Waldorf-Pädagogik die Entwicklung des eigenständigen Denkens an.

Bei einer anderen Reihenfolge geht nach Ansicht der Verfechter des Waldorfkonzepts eine gesunde Kindererziehung verloren und die einzelnen Aspekte werden nur unzureichend ausgebildet.

Das Erlernen von Fakten ist in den ersten Jahren nicht von Relevanz. Die komplexe Entwicklung der Gefühle und Gedanken ermöglicht erst die Erlangung von Weisheit, die nicht in Büchern steht.

3. Die Fantasie anregen

Da die Förderung der Freiheit und Kreativität einen großen Teil der Erziehungsaufgabe ausmachen, bildet naturbelassenes Spielzeug häufig den Mittelpunkt des freien Spiels. So werden Sie in einem Waldorf-Kindergarten so gut wie keine kommerziellen Spielsachen finden.
Vielmehr geht es darum, aus Naturstoffen eigene Ideen zu entwickeln und nicht von Vornherein in festen Strukturen zu arbeiten. Bei den „Spielsachen“ handelt es sich häufig um

  • mitgebrachte und kleingeschnittene Äste
  • kleine Kiesel oder sonstige Steine
  • Muscheln
  • Eicheln oder Kastanien

Neben der Entwicklung eigener Ideen sollen die Kinder aktiv lernen, woher die Dinge stammen, die sie benutzen.

4. Der Tagesablauf im Waldorf-Kindergarten

In vielen Kindergärten, die der Steiner-Pädagogik folgen, können Sie Ihre Kinder häufig von morgens bis mittags abgeben oder aber die Ganztagsbetreuung in Anspruch nehmen. Besonders das Konzept der Ganztagsbetreuung wird zunehmend ausgebaut, sodass auch berufstätige Eltern einen Kindergarten auswählen können, der diese Art der Pädagogik verfolgt.

Waldorf-Pädagogik

Im Waldorf-Kindergarten steht Naturspielzeug hoch im Kurs.

Aufgrund der freiheitlichen Orientierung gibt es keine festgelegten Rituale, die stetig verfolgt werden. Dies bedeutet jedoch keineswegs, dass die Kinder sich selbst überlassen werden, sondern vielmehr, dass sich die Erziehung im Kindergarten an den Jahreszeiten sowie den individuellen Fähigkeiten und Möglichkeiten der Umgebung orientiert.

Häufig ist eine Dreiteilung des Vormittags vorgesehen, um den drei Bereichen der körperlichen Aktivität, des Sprechens sowie des Denkens zu begegnen. So ist es in vielen Einrichtungen üblich, dass die erste Zeit für ein freies Spiel genutzt wird. Dieses Freispiel zeichnet sich dadurch aus, dass die Erzieher und Erzieherinnen den Kindern zwar keine Vorgaben machen, jedoch als Vorbilder fungieren, um die Kinder so zum Nachahmen zu animieren.

Im Anschluss an dieses Spiel erfolgt häufig ein gemeinsames Frühstück, bei welchem alle Kinder mithelfen. Herrscht noch Unordnung und liegen viele Gegenstände verstreut, so sind die Erzieher angehalten, die Kinder dafür zu begeistern, selbst Ordnung zu schaffen. Auf klare Befehle wird jedoch verzichtet, damit die Kinder selbst erkennen, wie wichtig diese Aufgabe ist.

Meist werden nach dem Frühstück Gruppenaufgaben unternommen, die den Kleinen ein Verständnis für die Natur und deren Dinge näherbringen. So ist es üblich, dass die gemeinsame Gartenarbeit ein fester Bestandteil wird. Kleinere Ausflüge in die nähere Umgebung oder auch das Bauen einer Bude sind jedoch ebenfalls mögliche Programmpunkte in dieser Zeit.

Meist steht im Anschluss an diese Phase das Sprechen im Mittelpunkt. Dabei erzählt der Erzieher Geschichten, trägt der Gruppe ein Märchen vor oder gestaltet alleine, mit anderen Erziehern oder den Kindern ein Puppentheater.

Das freie Spiel zeichnet sich durch folgende Eckpunkte aus:

  • Alles ist an seinem Platz, sodass das Kind Sicherheit und Ordnung kennenlernt.
  • Es darf keine spezielle Funktion im Spiel selbst liegen. Vielmehr muss die eigene Funktion erst gefunden werden.
  • Der Erzieher dient als Vorbild, da das Ziel in der Nachahmung besteht.

5. Die Aufgabe des Erziehers

Kreativität im Waldorf-Kindergarten Steiner Pädagogik

Beim freien Spiel dient der Erzieher stets als Vorbild.

Jeder Pädagoge, der in einem Waldorf-Kindergarten arbeitet, hat eine hohe Verantwortung gegenüber den Kindern. Im Rahmen seiner Entscheidung ist der einzelne Erzieher frei, um die Entwicklung der Kinder nachhaltig zu fördern.
Aufgrund des besonderen Vertrauensverhältnisses ist ein Wechsel des Erziehers in der Regel nicht vorgesehen, sodass die Gruppe gemeinsam mit dem Pädagogen reift.

Die freiheitliche Orientierung beinhaltet jedoch auch feste Strukturen, in denen die Kinder Halt finden, um zur Ruhe zu kommen.
Auch wenn das freie Spiel selbst stets variiert, so verbleiben feste Zeiten für eine bestimmte Art der Aktivität, wie etwa die Märchenstunde, das gemeinsame Frühstück oder auch das Mittagessen.

Rhythmische Spiele und Musikalität prägen einen großen Teil des Tagesablaufs im Waldorf-Kindergarten.

Die Pädagogik Steiners richtet sich nach einem Sieben-Jahres-Rhythmus. Der Grundgedanke dahinter ist, dass sich Kinder in den ersten sieben Jahren nur wenige Gedanken machen und stattdessen mehr fühlen und beginnen, die unterschiedlichen Empfindungen zu ordnen.
Die sensomotorische Entwicklung, wie diese von Anhängern der Waldorf-Pädagogik genannt wird, gilt als Grundlage für die nächsten Jahrsiebte, in denen geistige und soziale Prozesse zunehmend an Bedeutung gewinnen.

6. Feste feiern und Jahreszeiten erleben

Kinder sind begeistert von Festen. Indem sie aktiv daran teilnehmen und diese gestalten, lernen sie, die Stimmung des jeweiligen Festes zu erkennen und in sich aufzunehmen. Gemeinsames Basteln, eine neue Raumgestaltung zu bestimmten Jahreszeiten sowie wechselnde Geschichten während der Märchenstunde machen die religiösen oder historischen Anlässe begreifbar.

Daher spielen im Kindergarten die folgenden Feiertage eine wichtige Rolle:

  • Heilige Drei Könige
  • Karneval
  • Ostern
  • Pfingsten
  • Erntedank
  • St. Martin
  • Weihnachten

Da die Waldorf-Pädagogik nicht nur in Deutschland zahlreiche Anhänger hat, sondern weltweit viel Zuspruch genießt, existieren nicht nur christliche Feste. Vielmehr bestimmen in einigen Ländern jüdische oder muslimische Feiertage den Jahresverlauf.

7. Kleidung und Ernährung – die Natur bestimmt mit

ausgewogene Ernährung

Natürliche Lebensmittel helfen dem Körper bei der Entwicklung.

Die Ausrichtung der Waldorf-Pädagogik ist sehr naturverbunden. Häufig verfügen die Kindergärten oder Schulen über einen eigenen Garten, in welchem die Kinder gemeinsam mit den Erziehern etwas anbauen.
Die ganzheitliche Betrachtungsweise macht eine ausgewogene Ernährung unumgänglich. Eine einseitige Ernährung würde den Zweck zuwiderlaufen, alle Sinnesorgane bestmöglich zu versorgen.

Ähnliches gilt in Bezug auf die Kleidung der Kinder. Das Naturprodukt Wolle hat besondere Bedeutung, da bei dieser Art der Kleidung weitestgehend auf Chemie verzichtet wird. Die Wollfasern absorbieren Feuchtigkeit und wärmen gleichzeitig im Winter. Knallige Muster stören die Entwicklung der Kinder zu einem freien Menschen, der sich erst selbst finden muss. Eine gewisse Zurückhaltung soll den Kindern ermöglichen, ihre Individualität zu entfalten.
Im Rahmen der Farblehre ordnet das Waldorfkonzept verschiedenen Farben eine gewisse Bedeutung zu, sodass ruhige Kinder andere Farben tragen als sehr aktive Kinder.

Im Gegensatz zu den klassischen fünf Sinnen, sind der Waldorf-Pädagogik zwölf Sinne immanent, die das gesamte Empfinden charakterisieren. Ziel der gesamten Erziehung sowie der Ernährung und auch der Kleidung ist es, Dinge mit allen Sinnen wahrzunehmen. Die zwölf Sinne, die Steiner beschreibt, ordnet er in die Bereiche der Körpersinne, der Sozialsinne sowie der Erkenntnissinne:

Körpersinne Sozialsinne Erkenntnissinne
  • Bewegungssinn
  • Lebenssinn
  • Tastsinn
  • Gleichgewichtssinn
  • Geschmacksinn
  • Geruchssinn
  • Sehsinn
  • Wärmesinn
  • Hörsinn
  • Sprachsinn
  • Gedankensinn
  • Ichsinn

8. Eine kritische Betrachtung der Waldorf-Pädagogik

Sicherlich gibt es einige Facetten, die für das Konzept Steiners sprechen. Viele Pädagogen äußern jedoch auch massive Kritik und bezeichnendes Modell als rückständig. In der folgenden kleinen Übersicht haben wir einige Vor- und Nachteile zusammengestellt, damit Sie sich selbst ein Bild machen können:

  • kein Sitzenbleiben in der Schule
  • individuelle Leistungsbeurteilung der Kinder ohne Noten (zumindest bis zur achten Klasse)
  • für die gesamte Gruppe oder Klasse ist lediglich ein Erzieher bzw. Lehrer zuständig
  • künstlerische und musikalische Begabungen werden frühzeitig gefördert
  • der Besuch eines Waldorf-Kindergartens sowie einer Schule ist in der Regel mit zusätzlichen Kosten verbunden, da keine komplette staatliche Finanzierung erfolgt
  • die Vorbildfunktion des Erziehers ist umstritten
  • es gibt viele spirituelle Aspekte, die der Waldorf-Pädagogik zugrunde liegen
  • der Abschluss einer Waldorf-Schule wird nicht anerkannt, sodass die mittlere Reife oder das Abitur zusätzlich zu erwerben sind
  • mangelnde Moderne, kaum technische Geräte
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