Offener Unterricht: Definition, Beispiele und Kritik

kinder verlassen die schule
Ist offener Unterricht klar definiert?

Es existiert zwar eine Definition nach Peschel. Generell gibt es allerdings keine einheitlichen Angaben, inwieweit Unterricht als offen eingestuft werden kann.

Welche Umsetzungsmöglichkeiten gibt es im Rahmen des offenen Unterrichts?

In vielen Schulen wird sehr unterschiedlich unterrichtet. Es existieren jedoch einige Arten des offenen Unterrichts, an denen sich mehrere Schulen orientieren.

Welche Vor- und Nachteile bietet das Konzept des offenen Unterrichts?

Für Kritik sorgt vor allem der Aspekt, dass Kinder vergleichsweise wenig lernen. Positiv fällt hingegen auf, dass die Schüler zu mehr Selbstständigkeit angehalten sind.

Offener Unterricht setzt gegenüber dem Frontalunterricht auf freiere Methoden. Allerdings gibt es eine Vielzahl von verschiedenen Unterrichtsformen, die für sich beanspruchen, Kindern mehr Spielraum beim Lernen zu lassen.

In unserem Beitrag möchten wir der Definition auf den Grund gehen und Ihnen zeigen, welche Formen offenen Unterrichts in der Praxis Anwendung finden.

1. Offener Unterricht in der Schule – mehr Freiheit und weniger System

Starre Lernpläne, einen strukturierten Alltag sowie Kinder, die in bestimmten Fächern etwas Zielgerichtetes lernen – all das gibt es in der Grundschule, die komplett nach dem Modell des offenen Unterrichts arbeitet, nicht.

Eine klare Definition offenen Unterrichts gibt es allerdings ebenso wenig. Viele Lehrer orientieren sich dabei an Falko Peschel, einem Hardliner, der offene Unterrichtsmethoden in Extremform als richtig erachtet.

Nach Peschel sollte offener Unterricht nur dann so genannt werden, wenn dieser derart gestaltet ist, dass die Schüler uneingeschränkt frei lernen können.

Wie dies in der Praxis aussehen kann, sehen Sie in diesem YouTube- Video:

An den meisten Grundschulen, die sich dem klassischen Frontalunterricht eher abwenden, geht es hingegen deutlich gemäßigter zu. Zwar haben die Schüler vielerorts die Möglichkeit, sich teils frei zu entscheiden und bestimmte Aufgaben selbst zu wählen.
Ein kompletter Verzicht auf einen organisierten Alltag ist hingegen in der Praxis selten.

2. Die 5 Dimensionen offenen Unterrichts nach Peschel

Um eine Abgrenzung gegenüber anderen Methoden des Unterrichtens zu schaffen, erstellte der Pädagoge ein klares Raster, dass es möglich macht, unterschiedliche Herangehensweisen einem Grad der Öffnung zuzuweisen.

Konkret benennt er 5 Stufen oder Dimensionen des offenen Unterrichts. Dies sind:

kinder in der klasse

Nicht jedes Kind muss der gleichen Aufgabe nachgehen.

  • Organisatorische Offenheit: Jeder Schüler entscheidet darüber, wann und was er lernen möchte.
  • Methodische Offenheit: Es gibt keine Vorgaben, wie ein bestimmtes Lernziel erreicht werden soll.
  • Inhaltliche Offenheit: Es ist den Schülern selbst überlassen, welches Thema sie vertiefen möchten und ob sie sich eher in Deutsch, in Englisch oder in Mathematik verbessern möchten.
  • Soziale Offenheit: Die Klassengemeinschaft muss eigene Regeln über das Zusammenarbeiten finden und festlegen. Dies gilt auch, wenn es darum geht, Regelverstöße zu bestrafen.
  • Persönliche Offenheit: Welche Richtung die Kinder im Leben und beim Lernen einschlagen, bleibt ihnen selbst überlassen.
    Dieser Bereich setzt die Schüler in der Extremform Lehrern gleich und ermöglicht eine über die reine Schulzeit hinausgehende Verbindung.

Je nach Grad der Offenheit, welche in Notenstufen eingeteilt werden kann, kann offener Unterricht als solcher definiert werden.

Tipp: Beim Sport sind die Ideen des offenen Unterrichts besonders leicht umzusetzen.

3. Beispiele offenen Unterrichts – auf diese Weise findet die Umsetzung in der Praxis statt

Offener Unterricht wird in aller Regel nicht in Reinform praktiziert. Diverse Beispiele verschiedener Schulen zeigen, dass der Unterricht allerdings an der einen oder anderen Stellen sehr frei abläuft, während in anderen Bereichen etwas mehr auf Ordnung und Disziplin geachtet wird.

Typisch für offenen Unterricht sind die folgenden Unterrichtsformen:

schulkinder sitzen mit ihrer lehrerin gemeinsam am tisch

Lehrer erfüllen eine etwas andere Aufgabe, da sie sich eher im Hintergrund halten.

  • Freiarbeit: In dieser Zeit haben die Kinder die Möglichkeit, anhand bestimmter Materialien zu üben. Dabei können sie sich weitestgehend nach ihren Interessen richten. Es existieren allerdings Vorschläge und Hinweise, um schwachen Schülern in bestimmten Bereichen zu helfen.
  • Projektarbeit: Im Rahmen eines konkreten Projekts haben Kinder die Gelegenheit, sich auf das gemeinsame Vorgehen zu verständigen und Lösungswege zu erarbeiten. Am Ende steht dabei stets die gemeinsame Reflexion.
  • Entdeckendes Lernen: In seiner ursprünglichen Form ist Entdeckendes Lernen auf den naturwissenschaftlichen Bereich begrenzt. Es geht darum, Naturphänomenen nachzugehen und durch Beobachten zu lernen, gezielte Fragen zu stellen, um entsprechende Versuche nachzustellen. Etwas abgeändert kann Entdeckendes Lernen jedoch auch in anderen Fächern zur Anwendung kommen.
  • Werkstattunterricht: Bei dieser Form des offenen Unterrichts erstellt der Lehrer eine umfassende Lernumgebung, sodass die Schüler sich in verschiedene Richtungen entwickeln können. Dennoch erfolgt die grundlegende Planung einseitig.
  • Stationslernen: Schüler können bei dieser Unterrichtsform in Gruppen an einzelnen Stationen zusammenarbeiten. Der Arbeitsplatz ist jedoch nicht festgelegt, sondern die Station kann stets gewechselt werden, sodass alle Kinder insgesamt ein möglichst breites Spektrum an Erfahrungen machen können.
  • Wochenplanarbeit: Vielfach kommt es im Rahmen des offenen Unterrichts zu der Erstellung eines Wochenplans. Diesen können die Kinder nutzen, um schrittweise die an sie gestellte Anforderungen zu erfüllen.
    Dabei ist der Plan so gestaltet, dass dieser neben Pflichtaufgaben auch diverse freiwillige Aufgaben enthält.

4. Offener Unterricht in der Kritik

So gut wie jedes pädagogische Konzept bringt Vorteile aber auch Nachteile mit sich. Genau so verhält sich auch beim offenen Unterricht. Wird die Offenheit dabei tatsächlich so ausgelebt, wie von Peschel gefordert, so stellt sich bei der Kritik vor allem die Frage, was genau an diesem Modell noch als Unterricht bezeichnet werden kann.
Schließlich soll es stets darum gehen, Kinder bestmöglich zu unterstützen.
Leistet die Lehrkraft jedoch keinen Beitrag zur positiven Entwicklung des Schülers, stellt dies die gesamte Kompetenz infrage.

Da offener Unterricht jedoch fast nie in Reinform angewendet wird, lassen wir dieses Argument einmal beiseite.
Dennoch existieren auch bei den abgeschwächten Varianten Vor- und Nachteile, die wir für Sie zusammengestellt haben:

  • Kinder können in ihrer eigenen Geschwindigkeit lernen.
  • Jedes Kind lernt frühzeitig, welche Bereiche ihm wichtig sind.
  • Die Selbstständigkeit sowie die Entscheidungsfreudigkeit werden gefördert.
  • Die Bewertung (durch Noten) ist kaum möglich.
  • Nicht alle Kinder profitieren von der Zusammenarbeit in einer größeren Gruppe und ziehen sich eher zurück.
  • Einige Kinder sind überfordert, wenn sie sich eigenständig bestimmte Aufgaben suchen sollen. 

5. Weiterführende Praxishandbücher zum Thema

Was ist offener Unterricht?: Wochenplan und Freie Arbeit organisieren
  • Lena Morgenthau
  • Herausgeber: Verlag an der Ruhr
  • Taschenbuch: 132 Seiten
Prüfen und Bewerten im Offenen Unterricht (BildungsWissen Lehramt)
  • Thorsten Bohl
  • Herausgeber: Beltz
  • Auflage Nr. 4 (17.06.2009)
  • Taschenbuch: 168 Seiten
Offener Unterricht im heterogenen Klassenzimmer: Best-Practice-Beispiele zur effektiven Unterrichtsorganisation
  • Herausgeber: Verlag an der Ruhr
  • Auflage Nr. 1 (12.10.2015)
  • Taschenbuch: 144 Seiten

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