Lesen durch Schreiben: Inhalt und Kritik an der Lernmethode nach Jürgen Reichen

lesen durch schreiben
Wie funktioniert das Konzept Lesen durch Schreiben?

Die Methode beruht auf der Annahme, dass Kinder in der Lage sind, sich selbst das Schreiben beizubringen.

Warum kam es zunehmend Kritik an dem durch Jürgen Reichen entwickelten Konzept?

Die Studienlage lässt kaum Zweifel daran zu, dass die Methode der klassischen Variante des Fibelunterrichts deutlich unterlegen ist. Aus diesem Grund zogen immer mehr Bundesländer die Reißleine und verboten Grundschulen die Anwendung des Konzepts.

Was unterscheidet die Methode Lesen durch Schreiben von anderen Lernmethoden?

Der größte Unterschied besteht darin, dass Kinder falsch geschriebene Wörter schreiben dürfen, um schneller Schreiben zu lernen.

Lesen durch Schreiben ist eine der zahlreichen Methoden, die Kindern schrittweise die Rechtschreibung näherbringen soll.
Während das Modell vor einigen Jahren noch als innovativ gepriesen wurde, ist es zunehmend in Kritik geraten und inzwischen vielerorts verboten.

In unserem Artikel erklären wir, was sich hinter dem Konzept Lesen durch Schreiben von Jürgen Reichen verbirgt, welche alternativen Lernmethoden es in der Grundschule gibt und inwieweit sich daraus Vorteile bzw. Nachteile ergeben.

1. Lesen durch Schreiben – eine Methode ohne Kontrolle

lesen durch schreiben mit der anlauttabelle lernen

Eine Anlauttabelle hilft Kindern dabei, schneller schreiben zu können.

Wie Kinder in Deutschland unterrichtet werden sollen, stellt Lehrer vor eine große Herausforderung. Nicht jeder Schüler lernt auf die gleiche Art und Weise, sodass sich manch eine Methode für einen Schüler als gute Idee erweist, während ein anderer damit kaum zurechtkommt.

Im Gegensatz zum klassischen Unterricht mit der Fibel arbeiten Kinder bei dem Konzept nach Jürgen Reichen mit einer Anlauttabelle.
Diese bildet das Kernstück der Methode und soll Kindern dabei helfen, schneller Schreiben zu lernen und erst in einem zweiten Schritt darauf zu achten, die korrekte Rechtschreibung zu beherzigen.

Beim Lesen durch Schreiben geht es darum, dass Kinder Worte so aufschreiben, wie sie sie hören. Es könnte also auch Schreiben nach Gehör heißen.
Liegt eine passende Buchstabentabelle parat, können Kinder also erste Worte aufschreiben, ohne bereits alle Buchstaben gelernt zu haben.

Vielmehr können Kinder die Anlauttabelle während des Unterrichts neben sich legen und sich anhand der passenden Laute überlegen, wie ein bestimmtes Wort wohl geschrieben wird.
Ein großes Problem bei dieser Art des Lernens sehen die meisten Eltern und viele Kritiker darin, dass keine Korrektur der falsch geschriebenen Worte erfolgt.

Schreibt ein Kind beispielsweise den Satz „Libe Mamma, ich mag Peter fil mer als Ben.“ sträuben sich die meisten Menschen, dies einfach so hinzunehmen.
Die Verfechter der alternativen Lernmethode sehen dies allerdings gelassen und lediglich als Zwischenschritt auf dem Weg zur einwandfreien Rechtschreibung.

Auch wenn die Methode, Lesen durch Schreiben zu lernen, nicht nur Schattenseiten hat, so stellt sich vor allem die Frage, wie Kinder etwas lernen sollen, wenn sie nicht korrigiert werden. Stattdessen prägt sich ein falsch geschriebenes Wort durch häufiges Wiederholen immer mehr ein und verankert sich im Langzeitgedächtnis.

2. Kinder als Gestalter der eigenen Schreibfähigkeit

Beim Lesen durch Schreiben sollen sich Kinder im Prinzip das Schreiben selbst aneignen. Sämtliche Materialien und Übungen sind darauf ausgelegt, Kinder zur Eigenständigkeit zu erziehen.

ein kind beim schreiben lernen

Kinder lernen sehr unterschiedlich.

Positiv macht sich an diesem Konzept bemerkbar, dass Kinder entsprechend ihres Lernfortschritts sehr individuell lernen können.

Im Gegensatz dazu helfen Übungen, die die ganze Klasse gemeinsam macht, stärkeren sowie schwächeren Schüler nur begrenzt. Zwar schadet eine erneute Wiederholung nichts, kann allerdings zu Langeweile führen. Zugleich bleiben starke Schüler hinter ihren eigentlichen Fähigkeiten zurück.
Ebenso haben schwächere Schüler Schwierigkeiten, dem für den Großteil der Schüler passenden Unterricht zu folgen.

Besondere Probleme haben Kinder, die nur ein eingeschränktes Lese- und Rechtschreibverständnis haben. Legastheniker sowie schlichtweg schwächere Schüler leiden besonders stark darunter, wenn sie sich erst einmal an eine falsche Schreibweise gewöhnt haben.

Der vermeintliche Vorteil, dass Schüler schneller in der Lage sind, ganze Wörter oder sogar Sätze zu schreiben, entpuppt sich spätestens dann als Nachteil, wenn es darum geht, umzulernen.

3. Erfahrungen mit der Methode Lesen durch Schreiben

ein schild mit falscher rechtschreibung

Damit ein Schild später nicht so aussieht, sollten Fehler direkt korrigiert werden.

Nach der schrittweisen Einführung des Konzepts in einigen Bundesländern, findet es inzwischen kaum noch Anwendung. Während sich die ostdeutschen Bundesländer sowie Bayern der Methode generell ablehnend gegenüberstanden, haben viele Schulen das Konzept mehr oder weniger umgesetzt.

Bislang durchgeführte Studien veranlassten immer mehr Bundesländer dazu, sich schrittweise von dem Konzept zu distanzieren.
In Hamburg, Schleswig-Holstein, Baden-Württemberg, Brandenburg, Berlin und NRW ist die Methode spätestens seit dem Schuljahr 2019/2020 verboten.

Für ein besonderes Wachrütteln und eine immense Kritik sorgte eine groß angelegte Studie der Universität Bonn aus dem Jahre 2018. Die Studie kam zu dem Ergebnis, dass Kinder, die nach dem Konzept Lesen durch Schreiben unterrichtet wurden, zum Abschluss der Grundschulzeit eine um 55 % höhere Fehlerquote aufwiesen als Schüler, die mit der Fibel gelernt haben.

Nicht verschwiegen werden sollte, dass die weitere Alternative zur Fibel, die Rechtschreibwerkstatt, sogar noch deutlich schlechter abschnitt. Hier belief sich die erhöhte Fehlerquote auf unglaubliche 105 %.

Auch der Deutsche Lehrerverband drängte auf eine bundesweite Abschaffung der umstrittenen Methode. Zugleich forderte der Verband eine kritische Überprüfung der verwendeten Lehrmittel.

4. Lesen und Schreiben lernen – es geht auch auf anderem Weg

ein kind liest ein buch

Nicht jede Methode erzielt bei jedem Kind den gewünschten Effekt.

Es gibt nicht nur eine Methode, die es Kindern ermöglicht, Lesen und Schreiben zu lernen. Wichtig ist dabei allerdings, dass möglichst alle Schüler entsprechend ihrer Fähigkeiten gefördert werden können und nicht benachteiligt werden.

Im Wesentlichen haben sich neben dem Konzept Lesen durch Schreiben die zwei Methoden der Rechtschreibwerkstatt sowie der Arbeit mit der Fibel durchgesetzt.

Im Rahmen der Rechtsschreibwerkstatt geht es vor allem darum, Kindern schrittweise ein besseres Verständnis für Sprache zu vermitteln. So lernen die Schüler in der Grundschule etappenweise.
Während also zunächst das Verständnis einzelner Laute vermittelt wird, folgt im Anschluss die Verschriftlichung.
Dies geschieht zunächst anhand einzelner Wörter und später durch simple und noch etwas später durch komplexe Satzgefüge.

Kinder lernen bei dieser Art also nicht verschiedene Dinge auf einmal, sondern vertiefen ihr Verständnis der Sprache lediglich schrittweise.
Problematisch ist an dieser Stelle allerdings, dass einzelne sprachliche Bestandteile dabei erst zu spät Beachtung finden.

Im Gegensatz dazu haben Kinder bei der Fibelmethode zunächst die Aufgabe, Buchstaben zu lernen. Jeder einzelne Buchstabe muss analysiert und einem bestimmten Laut zugeordnet werden.
Auch bei diesem Konzept beginnen Kinder mit einfachen Worten.

Von Anfang an steht jedoch die korrekte Rechtschreibung im Vordergrund und Abweichungen werden sofort korrigiert. Auch wenn die klassische Methode bereits recht alt ist, wurde diese immer wieder durch neue Übungen ergänzt, sodass Kindern das Schreiben lernen leichter gemacht wird.

Die drei unterschiedlichen Konzepte sehen Sie noch einmal in diesem kurzen YouTube-Video im Überblick:

4. Zu Hause üben und damit das Schreiben lernen erleichtern

Buchstaben schreiben mit dem kleinen Raben Socke (Der kleine Rabe Socke)
  • Herausgeber: Esslinger Verlag
  • Auflage Nr. 11 (21.03.2017)
  • Taschenbuch: 28 Seiten


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