infans-Konzept der Frühpädagogik: Das steckt hinter der beobachtenden Pädagogik

   
von Ralf-Ingo S. - letzte Aktualisierung:
kinder lächelnd in der kita
Was ist das infans-Konzept?

Das nach dem Institut für angewandte Sozialisationsforschung benannte Konzept soll nachhaltiges Lernen in der Kita fördern.

Was soll mit diesem Konzept erreicht werden?

Es sollen die Ziele von übergeordneten Instanzen (z.B. Erzieher, Eltern, Gesellschaft) mit den Interessen eines Kindes in Einklang gebracht werden.

Was ist das Portfolio?

Die Zusammenfassung aller wichtigen Informationen über ein Kind erfolgt in einem Portfolio. Aufgrund der Offenheit soll das Portfolio des Kindes auch Eltern zur Verfügung stehen.

Das infans-Konzept ist ein in Deutschland entwickelter frühpädagogischer Ansatz für Kita und Krippe, der auf systematischer Beobachtung, individueller Portfolio-Dokumentation und der Verbindung von individuellen Bildungsthemen der Kinder mit übergreifenden Erziehungszielen basiert. Es wurde Anfang der 2000er Jahre vom Institut für angewandte Sozialisationsforschung (infans) unter der Leitung von Hans-Joachim Laewen entwickelt.

Die frühkindliche Pädagogik ist in den letzten Jahren zunehmend in das Interesse der Politik gerückt. Der Beginn der Bildung wird nicht mehr länger erst bei der Einschulung bedeutsam. Somit ändert sich die Aufgabe von Erziehern und erweitert sich im Hinblick auf Bildungsbausteine.

Das infans-Konzept setzt an dieser Stelle an und dient Erziehern im Kindergarten als Hilfsmittel, um Kindern verschiedene Themen näher zu bringen und die Arbeit zu erleichtern. Dabei spielt vor allem die intensive Beobachtung von Kindern eine entscheidende Rolle.

Das infans-Konzept auf einen Blick
  • Begründer: Hans-Joachim Laewen und Beate Andres, Institut für angewandte Sozialisationsforschung (infans), Berlin
  • Entstanden: Anfang der 2000er Jahre, weiterentwickelt seit 1988
  • Drei Kernelemente: systematische Beobachtung, individuelle Bildungs- und Erziehungsziele, Portfolio-Dokumentation
  • Anwendungsbereich: Kita (3–6 Jahre) und Krippe (0–3 Jahre)
  • Zentrale Methode: Identifikation der „Themen der Kinder“ als Ausgangspunkt für Bildungsangebote
  • Theoretische Basis: Bindungstheorie, kulturhistorische Schule (Wygotski), Resilienzforschung

1. Das infans-Konzept – Beobachten und Dokumentieren, um zu lernen

Buchstaben und Zahlen als Puzzle
Die Materialien unterscheiden sich von Raum zu Raum.

Das nach dem Institut für angewandte Sozialisationsforschung benannte Konzept soll nachhaltiges Lernen fördern.
Dies gelingt nach Ansicht der Verfasser des Konzepts am besten dadurch, dass nicht jeder Erzieher für sich arbeitet, sondern gemeinsam an einem tieferen Verständnis gearbeitet wird.

Ziel ist es, das Interesse der Kinder für einzelne Bereiche zu nutzen, um wichtige Lernziele so auf spielerische Art besser erreichen zu können. So ist es beispielsweise notwendig, einen Stift halten zu können, um auf die Schule vorbereitet zu sein.

Interessiert sich ein Kind allerdings nicht für Stifte, muss ein Weg gefunden werden, um das Interesse am Malen und Zeichnen zu wecken. Dies funktioniert oftmals über kleine Umwege, sodass Kinder über bereits bestehende Interessen zu neuen finden.

Generell lässt das infans-Konzept Kindern relativ viele Freiheiten, um sich selbst auszuprobieren. Zur Verfügung stehen beispielsweise sehr unterschiedlich ausgestaltete Räume, die sich bestimmten Schwerpunkten widmen.

In der Kita und im Kindergarten soll ein Beobachtungsbogen Erziehern dabei helfen, die jeweiligen Ziele festzuhalten und zu dokumentieren, ob und inwieweit ein Kind sich in bestimmten Bereichen weiterentwickelt.
Im Anschluss können die jeweiligen Möglichkeiten für eine gezielte Hilfestellung im Team analysiert werden. Zudem besteht aufgrund der sehr ausgefeilten Beobachtungsbögen eine gute Möglichkeit, Eltern die Anwendung der Pädagogik besser vermitteln zu können.

Zusammenfassung: Das infans-Konzept setzt an den bestehenden Interessen eines Kindes an, um festzustellen, wie und auf welche Art sich festgelegte Ziele erreichen lassen.

2. Ziele des infans-Konzepts

Das Konzept der Frühpädagogik macht es sich, wie viele andere Methoden, zur Aufgabe, Kindern einen möglichst guten Start ins Leben zu ermöglichen.

drei Frauen sitzen mit Kindern auf dem Boden
Nicht immer ist es leicht, unterschiedliche Ziele miteinander in Einklang zu bringen.

Die jeweiligen Interessen von Kindern sowie allgemeine Erziehungsziele können jedoch durchaus unterschiedlich ausgeprägt sein. Aus dem Grund setzt das infans-Konzept darauf, die Ziele übergeordneter Instanzen, wie

  • Erziehern,
  • Eltern,
  • dem jeweiligen Träger
  • sowie der Politik bzw. der Gesellschaft im Allgemeinen

mit den Interessen eines Kindes in Einklang zu bringen. Dies erfordert eine genaue Beobachtung sowie eine detaillierte Abstimmung mit Kollegen.

Im Kern stellt sich also immer wieder folgende Frage:
Gibt es Möglichkeiten, gewünschte Erziehungsziele mit den Interessen eines Kindes in Verbindung zu bringen?

Auf diese Art und Weise sollen Kinder stets mit Spaß lernen und dennoch gewisse, allgemein anerkannte und wünschenswerte Ziele erreichen.

Achtung: Die Durchführung des infans-Konzepts beansprucht viel Zeit und eine genaue Abstimmung im Team. Es eignet sich daher vor allem für Einrichtungen, in denen der Personalschlüssel gut ist.

Ein Interview zur Umsetzung des infans-Konzepts in der Praxis sehen Sie in diesem YouTube-Video:

3. Wie wird das infans-Konzept in der Praxis umgesetzt?

Die Umsetzung des infans-Konzepts folgt einem strukturierten Vorgehen, das im Team koordiniert wird. Fünf Schritte bilden den Kern der praktischen Arbeit.

  • Themen der Kinder beobachten: Die Erzieher beobachten gezielt, welche Themen, Fragen und Interessen ein Kind beschäftigen — etwa Fahrzeuge, Tiere, Zahlen oder soziale Rollen. Beobachtet wird mehrmals wöchentlich, oft mit kurzen schriftlichen Notizen direkt im Alltag.
  • Beobachtungen im Team auswerten: In wöchentlichen Teamsitzungen werden die Beobachtungen besprochen. Ziel ist es, individuelle Themen zu identifizieren und mögliche Bildungspotenziale zu erkennen.
  • Erziehungs- und Bildungsziele formulieren: Für jedes Kind werden individuelle Ziele festgehalten — etwa „feinmotorische Geschicklichkeit fördern“ oder „Empathie in Gruppensituationen stärken“. Diese Ziele werden in den Portfolios dokumentiert.
  • Bildungsangebote planen und durchführen: Die Erzieher planen konkrete Angebote, die das Kind über seine bestehenden Interessen an neue Themen heranführen. Beispiel: Ein Kind, das nicht malen mag, aber Bagger liebt, malt erste Bilder von Baustellen.
  • Wirkung überprüfen und Portfolio aktualisieren: Nach einer festgelegten Phase (meist 4–8 Wochen) wird überprüft, ob die Ziele erreicht wurden. Das Portfolio wird ergänzt, neue Themen werden aufgenommen.

Dieser Zyklus wiederholt sich kontinuierlich und ermöglicht eine fortlaufende Anpassung der pädagogischen Arbeit an die Entwicklung des Kindes.

Beispiel aus der Kita-Praxis: Vom Interesse zum Bildungsziel

Lina, vier Jahre alt, beschäftigt sich seit Wochen ausschließlich mit Bauklötzen. Sie türmt sie, sortiert sie nach Farben, baut Mauern. Schreib- und Malangebote ignoriert sie konsequent. Das Erzieherinnen-Team formuliert auf Basis der Beobachtungen folgendes Bildungsziel: feinmotorische und grafomotorische Entwicklung anregen.

Statt Lina zum Malen zu drängen, integriert die Bezugserzieherin Stifte und Papier in Linas Bauspiel: Pläne für die Bauwerke zeichnen, Verkaufsschilder für die gebauten Häuser schreiben, mit dem Stift die Türme ausmessen. Innerhalb von sechs Wochen greift Lina von selbst zum Stift — der grafomotorische Einstieg ist über ihr bestehendes Interesse gelungen.

4. Wie unterscheidet sich das infans-Konzept von anderen pädagogischen Ansätzen?

Das infans-Konzept teilt mit anderen modernen frühpädagogischen Ansätzen den Fokus auf das Kind als aktiven Lerner. Die Methoden zur Umsetzung unterscheiden sich jedoch deutlich. Die folgende Übersicht zeigt die wichtigsten Unterschiede.

Konzept Ausgangspunkt Rolle der Erzieher Dokumentation
infansThemen und Interessen des Kindes, abgeglichen mit ErziehungszielenSystematische Beobachterin, Impulsgeberin, BegleiterinIndividuelles Portfolio mit Beobachtungsbögen
MontessoriVorbereitete Umgebung, sensible Phasen des KindesStille Beobachterin, gibt Materialien zur freien WahlIndividuelle Lerntagebücher, oft weniger formalisiert
Reggio EmiliaHundert Sprachen des Kindes, ästhetische WahrnehmungForscherin gemeinsam mit dem Kind, Co-KonstrukteurinSprechende Wände, Projektdokumentation, Fotos
SituationsansatzLebenssituationen der Kinder, SchlüsselsituationenMitgestalterin von LebenssituationenSituationsanalysen, Projektberichte
WaldorfRhythmus, Nachahmung, anthroposophisches MenschenbildVorbild durch eigenes Tun, Schaffen von AtmosphäreSelten formalisiert, keine systematische Dokumentation
Offene ArbeitSelbstbestimmung des Kindes in FunktionsräumenRaumgestalterin, Begleiterin auf AugenhöheLerngeschichten, Bildungsdokumentation

5. Das Portfolio als Basis der Pädagogik

Die Zusammenfassung aller wichtigen Informationen über ein Kind erfolgt in einem durch die Erzieherin bzw. den Erzieher erstellten Portfolio. Aufgrund der Offenheit soll das Portfolio des Kindes auch Eltern zur Verfügung stehen, um eine Erklärung für eine bestimmte Herangehensweise nachvollziehen zu können.

Kind malt mit den Händen
Auch erste Kunstwerke gehören in ein gut geführtes Portfolio.

Das Portfolio enthält folgende Bestandteile:

  • eine Übersicht der angestrebten Erziehungsziele
  • die jeweils angewandten Instrumente, um einem Ziel näherzukommen
  • Beobachtungsbögen sowie Dokumentationen des Verhaltens von Kindern in konkreten Situationen
  • Arbeiten, Zeichnungen und Bilder des jeweiligen Kindes

Dabei dient das Portfolio

  • Erziehern als Anhaltspunkt und Ausgangspunkt ihrer täglichen Arbeit
  • Eltern als Möglichkeit, einen Einblick in die pädagogische Arbeit im Kindergarten zu gewinnen
  • Kindern dazu, sich gemeinsam mit Erziehern über ihre Interessen zu unterhalten
  • der Einrichtung, um Außenstehenden die jeweiligen Schritte verständlich zu machen

6. Vor- und Nachteile des infans-Konzepts im Überblick

In der folgenden Tabelle finden Sie die wichtigsten Vorteile, aber auch Kritikpunkte am infans-Konzept gegenübergestellt, um sich ein ausgewogenes Bild zu machen.

Vorteile Nachteile / Kritik
Individuelle Förderung jedes Kindes nach systematischer Planung Sehr zeitaufwendig in der Praxis, hoher Dokumentationsaufwand
Verschiedene, anspruchsvoll gestaltete Funktionsräume mit Schwerpunkten Erfordert grundlegende Umstellung im Kita-Alltag und Raumgestaltung
Kinder lernen mit Spaß über bestehende Interessen Funktioniert nur mit Team, das gemeinsame Ziele verfolgt — enge Abstimmung notwendig
Übergeordnete Bildungsziele und kindliche Themen werden verbunden Orientierung an bekannten Interessen kann neue Themen ausblenden
Transparente Dokumentation stärkt Vertrauen der Eltern Setzt einen guten Personalschlüssel voraus, oft nicht erfüllt
Stetige Anpassung der pädagogischen Methoden möglich Fortbildungsbedarf für Team in Beobachtungstechniken und Portfolio-Arbeit

Zur Website des Instituts für angewandte Sozialisationsforschung gelangen Sie über diesen Link.

7. Buchempfehlung zum infans-Konzept

Wer das infans-Konzept vertiefen möchte, findet die ausführlichste Darstellung im Werkstattbuch der Begründer Hans-Joachim Laewen und Beate Andres. Es ist das offizielle Standardwerk und wird in vielen Erzieher-Ausbildungen genutzt.

Autoren: Hans-Joachim Laewen, Beate Andres | Verlag: Verlag das Netz | Umfang: ca. 350 Seiten

Das Buch beschreibt umfassend die theoretischen Grundlagen und die praktische Umsetzung des Konzepts in Kita und Krippe. Mit zahlreichen Beobachtungsbögen, Beispielen aus der Praxis und Reflexionsfragen für Teams. Besonders wertvoll für Einrichtungen, die das Konzept neu einführen wollen.

8. Quellen und weiterführende Informationen

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infans-Konzept der Frühpädagogik: Das steckt hinter der beobachtenden Pädagogik
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