Bildungs- und Lerngeschichten im Kindergarten und der Kita

Bildungs- und Lerngeschichten
  • Bildungs- und Lerngeschichten kommen oftmals in integrativen Kitas zum Einsatz.
  • Das Konzept der Arbeit mit Bildungs- und Lerngeschichten erfordert eine intensive Beschäftigung mit jedem einzelnen Kind, da jede Geschichte individuell zugeschnitten ist.
  • Besonders der Anfang des freien Schreibens bereitet vielen Erziehern und Erzieherinnen in der Praxis Schwierigkeiten.

Bildungs- und Lerngeschichten verfolgen das Ziel, Kinder in den Lernprozess und die Entwicklung miteinzubeziehen. Dabei haben Erzieherinnen und Erzieher im Kindergarten die Aufgabe, ihre Beobachtungen zu dokumentieren.

Anhand eines Beobachtungsbogens soll der aktuelle Lernstand erkannt werden. Im Fokus stehen dabei die ganzheitliche Betrachtung sowie der individuelle Lernfortschritt eines jeden Kindes.

1. Bildungs- und Lerngeschichten – eine neuseeländische Idee

Erzieherin liest eine Geschichte vor

Alle Kinder hören gern ihre ganz persönliche Geschichte.

Das Konzept der Bildungs- und Lerngeschichten geht auf die Expertin für Kindesentwicklung im Elementarbereich Margaret Carr zurück.

Nach Carr sollen Lerngeschichten Kindern eine Herausforderung stellen und eine Möglichkeit der Reflexion bieten. Dementsprechend erfolgt eine genaue Abstimmung der Geschichten auf die jeweiligen Fähigkeiten der Kinder.

Im Fokus steht dabei die exakte Beobachtung der verschiedenen Lerndispositionen der einzelnen Kinder.
Dieses Konzept soll sowohl Erziehern und Eltern als auch den Kindern selbst nützen und sie stärken.

Im Kern verfolgt die Methode das Ziel, die Fähigkeiten von Kindern zu erfassen, die nötig sind, um bestimmte Dinge zu erlernen. Es geht jedoch weniger um die bereits erlernten Fähigkeiten an sich.
Aus diesem Grund sind die Bildungs- und Lerngeschichten ganzheitlich orientiert. Der Blick soll also nicht isoliert auf einzelne Bereiche fallen, sondern das Kind in seiner Gesamtheit beleuchten.

Auf diese Weise sollen Stärken sowie Schwächen erkennbar werden. In einem nächsten Schritt kann dieses gewonnene Wissen genutzt werden, um den Austausch untereinander zu verbessern und Kinder in bestimmten Bereichen fördern zu können.

Tipp: Nähere Informationen zu Magaret Carr, den entwicklungstheoretischen Hintergründen und den learning stories finden Sie auf der neuseeländischen Website Te Whariki.

2. Die Lerndispositionen – auf diese Punkte müssen Erzieher besonders achten

Das Konzept der Bildungs- und Lerngeschichten unterscheidet 5 verschiedene Lerndispositionen. Dies sind:

  • interessiert sein:
    Kinder können ihr Interesse an etwas durch Sprache, Gesten oder durch Blicke signalisieren. Je nach Alter und individueller Persönlichkeit zeigen sie dabei verstärktes Interesse an Gegenständen, Menschen, Musik oder Bewegung.
ein Kind bastelt mit Schere und Papier

Beobachtung ist ein wichtiger Bestandteil des Konzepts.

  • engagiert sein:
    Unter den Bereich des Engagements fällt die intensive Auseinandersetzung mit bestimmten Dingen. Auch die Ablenkbarkeit spielt hier eine wichtige Rolle.
  • Standhalten:
    Lässt sich ein Kind schnell entmutigen, wenn etwas nicht sofort gelingt? Versucht ein Kind, das Problem auf eine andere Art zu lösen oder wechselt es stattdessen den Fokus? An dieser Stelle ist die Frustrationstoleranz von besonderem Interesse.
  • Kommunizieren:
    Der Bereich der Kommunikation umfasst alle Möglichkeiten, wie sich Kinder anderen gegenüber ausdrücken. Dies kann auf unterschiedlichen Ebenen, wie durch gemeinsames Spielen, miteinander Reden, Singen, Tanzen oder Malen geschehen.
    Einige Kinder nutzen zum Beispiel nur bestimmte Kommunikationsformen, während andere Kinder sehr viele verschiedene Methoden anwenden.
  • Verantwortung übernehmen:
    An dieser Stelle steht das soziale Miteinander im Vordergrund. Halten Sie in Ihrem Beobachtungsbogen fest, wie Kinder untereinander handeln. Ist ein Kind bereit, Kompromisse zu schließen? Wie verhält es sich, wenn es um Zusammenarbeit geht und inwieweit bringt es sich in die Gruppe ein?

Greifen Sie alle 5 Lerndispositionen auf, wenn Sie an den einzelnen Bildungs- und Lerngeschichten arbeiten. Dies gilt unabhängig davon, ob Kinder die Krippe, den Hort, die Kita oder den Kindergarten besuchen.

Anhand dieser Basis fällt es den meisten Erziehern und Erzieherinnen deutlich leichter, eine erste Geschichte aufzuschreiben.

Die wichtigsten Punkte sehen Sie auch noch einmal kurz und knapp in diesem YouTube-Video:

3. Die 5 Dimensionen des Whariki – der zentrale Bestandteil aller Bildungs- und Lerngeschichten

In diesem kurzen Abschnitt möchten wir Ihnen die zentralen Thesen des Konzepts kurz darstellen:

Mädchen liegt mit einer Lupe im Gras

Kinder entdecken die Welt auf ihre eigene Art.

  • Wellbeing (Gesundheit und Wohlbefinden):
    Kinder sollen psychisch und physisch unversehrt aufwachsen und sicher vor Verletzungen sein.
  • Belonging (Zugehörigkeit):
    Jedes Kind soll wissen, wo es herkommt und mit wem es sich identifizieren kann. Dies betrifft zum Beispiel die Familie, jedoch auch die Kindergartengruppe oder das Dorf.
  • Contribution (Mitwirkung):
    Jedes Kind soll die Möglichkeit haben, sich in die Gemeinschaft einzubringen. Es gilt, gleiche Chancen für alle Kinder zu schaffen.
  • Communication (Kommunikation):
    Kinder drücken sich auf verschiedene Arten aus und lernen, diese gezielt einzusetzen. Dies geschieht auf verbaler sowie nonverbaler Ebene.
  • Exploration (Forschungsbegeisterung):
    Spontane Spiele und freie Entfaltungsmöglichkeiten sind wichtig, um sich selbst zu finden. So können Kinder auch ihr Selbstvertrauen stärken, indem sie zunehmend Kontrolle über ihren Körper und ihre damit verbundenen Fähigkeiten gewinnen.

4. Bildungs- und Lerngeschichten schreiben – so geht’s

Jede einzelne Geschichte beinhaltet vier zentrale Punkte, bis sie schließlich fertig ist. Dies sind:

Hand hält einen Stift

Nehmen Sie sich Zeit, um eine Geschichte zu schreiben.

  • Beschreiben:
    In diesem Schritt notieren Sie möglichst viele Alltagssituationen. Hier steht zunächst die rein sachliche Beschreibung ohne Bewertung im Fokus.
  • Diskutieren (im Team):
    In einem nächsten Schritt setzen Sie sich zusammen und sprechen mit Ihren Kollegen darüber, wie ein Kind die einzelnen Lerndispositionen umgesetzt hat.
  • Entscheiden (im Team):
    An dieser Stelle überlegen Sie als Team, wie sich die Fähigkeiten des Kindes durch gezielte Anreize fördern lassen. Kann beispielsweise das Interesse an etwas geweckt werden oder gibt es Ideen, die dabei helfen, das Durchhaltevermögen zu verbessern?
  • Dokumentieren:
    Halten Sie die gemeinsam erarbeitete Strategie in einem Portfolio fest und versuchen Sie nun, aus den gewonnenen Erkenntnissen eine angepasste Geschichte zu verfassen.

Achten Sie beim Verfassen insbesondere darauf, dass Sie sich unmissverständlich und möglichst einfach ausdrücken. Das Ziel der Bildungs- und Lerngeschichten ist schließlich darauf ausgerichtet, dass Kinder davon profitieren und die Geschichte zur Weiterentwicklung nutzen können.

Drücken Sie Ihre Gefühle aus und beschreiben Sie die Entwicklung. Achten Sie dabei vor allem darauf, möglichst positiv zu schreiben, um Kindern einen Anreiz zu geben, sich weiter in eine bestimmte Richtung zu orientieren.

Tipp: Eine Beobachtungsbogen-Vorlage im PDF-Format sowie eine beispielhafte Lerngeschichte finden Sie auf der Website des Deutschen Jugendinstituts e.V.

5. Finden Sie Ratgeber zum Schreiben von Bildungs- und Lerngeschichten

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Bildungs- und Lerngeschichten: Bildungsprozesse in früher Kindheit beobachten, dokumentieren und unterstützen
  • Hans R Leu, Katja Flämig, Yvonne Frankenstein, Sandra Koch, Irene Pack, Kornelia Schneider, Martina Schweiger
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