Freinet-Pädagogik: Die Methode nach Celestin Freinet erklärt

Freinet-Pädagogik-Ratgeber
  • Der Begründer der Freinet-Pädagogik ist der Franzose Célestin Freinet. Zusammen mit seiner Frau und einigen Lehrpersonen entwickelte er aufgrund seiner eigenen negativen Schulerfahrung diese alternative Pädagogik.
  • Im Vordergrund der Pädagogik steht die freie Entfaltung der kindlichen Persönlichkeit. Die Tagesgestaltung erfolgt nahezu ausschließlich durch die Kinder selbst.
  • Die Freinet-Pädagogik wurde ursprünglich für die Schule entwickelt. Seit 1979 findet sie jedoch auch in einigen Kindergärten und Kitas Anwendung.

Es gibt viele verschiedene pädagogische Konzepte, auf die sich Kitas oder im Kindergärten stützen. Diese Grundsätze bestimmen den Alltag Ihres Kindes, sodass Sie sich zuvor mit dem jeweiligen Konzept auseinandersetzen sollten. Eines dieser Konzepte ist die Freinet-Pädagogik.

In unserem Ratgeber informieren wir Sie rund um die Freinet-Methode. Wir erklären Ihnen, worum es sich dabei handelt und inwiefern sie sich von der herkömmlichen Pädagogik unterscheidet. Wir zeigen Ihnen Vor- und Nachteile auf und erläutern Ihnen, wo diese Pädagogik Anwendung findet.

1. Célestin Freinets Pädagogik wurde durch seine eigene Schulzeit geprägt

konfrontativ

Durch die Kriegserfahrung wurde Celestin Freinet zum Pazifisten.

Die Freinet-Pädagogik ist nach dem Erfinder und Begründer Célestin Freinet benannt. Er wurde im Jahr 1896 in der Provence in Frankreich geboren. Seine eigene Schulzeit stellte für ihn eine unglaubliche Qual dar. Er war bereits zu dieser Zeit sehr aufgeweckt und freiheitsliebend.

1915 wurde er in den Kriegsdienst einberufen. Im Ersten Weltkrieg erlitt er eine schwere Lungenverletzung. Trotz dieser Verletzung trat er im Jahr 1920 seine erste Stelle als Lehrer in einer kleinen Dorfschule an der Côte d´Azur an. Dort versuchte er, den Schulunterricht nach seinen Vorstellungen zu verändern, sodass die Freinet-Pädagogik entstand.

Drei Jahre später schaffte Freinet eine Druckpresse an, um die Texte der Schülerinnen und Schüler veröffentlichen zu können. Mit Hilfe dieses Gerätes konnte die Kinder die erste Schülerzeitung erstellen und drucken. 1926 entwickelte Célestin Freinet eine eigene Druckpresse, die er im Hinblick auf die Technik immer weiter verfeinerte.

Die Druckpresse gilt noch heute als Symbol der Freinet-Pädagogik.

Zur gleichen Zeit heiratete Celestin Freinet seine Frau Elise Lagier Bruno, die in den folgenden Jahren sehr eng mit ihm zusammenarbeitete. 1933 gründete das Paar eine eigene Schule, die als Internat ausgelegt war.

Freinet kämpfte sein Leben lang für die freie Entfaltung der kindlichen Persönlichkeit. Zudem rief er immer wieder dazu auf, gegen obrigkeitliche Zwänge zu demonstrieren. Er selbst bezeichnete sich nach den Kriegserfahrungen als Pazifist und Laizist.

2. Das Menschenbild in der Freinet-Pädagogik

Freinet-Pädagogik Referat

Kinder sollen nicht als unfertige Erwachsene, sondern als eigenständige Persönlichkeiten angesehen werden.

Celestin Freinet sagte einmal: „Der Geist ist keine Scheune, die man füllt, sondern eine Flamme, die man nährt.“ Dieser zentrale Satz macht deutlich, welches Bild Freinet von Kindern und Erwachsenen hatte. So sollen Kinder eigene Vorlieben und Interessen entwickeln, ohne dazu gezwungen zu werden.

Laut Freinet setzt seine Pädagogik bei der Neugier der Kinder an. Sie sind von Geburt an neugierig und möchten am liebsten aus eigener Kraft die ganze Welt entdecken. Mit diesen Fähigkeiten ausgestattet, steht dem Lernprozess nichts mehr im Wege.

Kinder sind somit keine unfertigen Erwachsenen, sondern eigenständige Persönlichkeiten.

3. Die Freinet-Pädagogik ermöglicht selbstbestimmtes Handeln

Reggio-Pädagogik

Nach dem Freinet-Konzept dürfen Kinder ihre eigenen Interessen frei ausleben.

Celestin Freinet hat diese Pädagogik zusammen mit seiner Frau und einigen weiteren Kollegen entwickelt. Das Konzept war zunächst nur für Schulen gedacht. Seit 1979 wird diese Methode jedoch auch in Kitas und Kindergärten praktiziert. Es stellt ein offenes Konzept dar, in dem die Kinder selbsttätig sind und frei über ihre Tätigkeit entscheiden können.

Im Gegensatz zum lehrergelenkten Unterricht, zielt die Freinet-Pädagogik auf die Tagesgestaltung durch die Kinder ab. Die Klasse bzw. die Kindergartengruppe agiert in diesem Konzept als Kooperative. Das bedeutet, dass die Kinder weitestgehend selbst bestimmen, was sie an diesem Tag machen möchten.

Ähnlich wie bei der Reggio-Pädagogik oder dem Fröbel-Konzept agiert der Erzieher oder der Lehrer eher als stiller Beobachter, Vermittler oder Helfer.

Der Grundgedanke ist somit der Rollentausch in der Schule oder im Kindergarten. Ziel dieser Pädagogik ist es, dass die Kinder eigene Interessen entwickeln können und ohne Lerndruck den Tag gestalten können. Durch das selbstständige Aneignen von Wissen wird das Neugierverhalten angeregt.

Die Kinder dürfen ihre Zeit frei einteilen und selbst festlegen, wie lange sie für die Bearbeitung ihrer Projekte benötigen. Die Lernergebnisse können Sie im Anschluss vor der Klasse oder den anderen Kindern vortragen.

Die Freinet-Pädagogik lässt sich am besten durch folgende vier Grundsätze definieren:

  • Freie Entfaltung der Persönlichkeit:
    Das freie Schreiben und das gemeinsame Musizieren tragen dazu bei, dass die Kinder offen aufeinander zugehen. Vorrangige Methoden sind Theater, Tanz, die Schuldruckerei und die Klassenkorrespondenz.
  • Kritische Auseinandersetzung mit der Umwelt:
    Durch Experimente, Exkursionen und Versuche sollen die Kinder sich selbst und ihre Umwelt entdecken können.
  • Selbstverantwortlichkeit des Kindes:
    Kinder lernen einzuschätzen, welcher Lernrhythmus am besten für sie geeignet ist. Dazu gehören auch die kritische Selbsteinschätzung und die Reflexion der Lernfortschritte.
  • Kooperation und gegenseitige Verantwortlichkeit:
    Im Klassenrat werden Konflikte besprochen und Lösungen diskutiert. So wird das demokratische Zusammenleben gefördert, in welchem Regeln und Strukturen herrschen müssen.

4. Die Freinet-Lehre in Schulen

moderne Pädagogik

Im Morgenkreis können Schüler ihre erarbeiteten Projekte vorstellen.

Zumeist wird die Freinet-Pädagogik vor allem in Grundschule umgesetzt. Es gibt jedoch auch einige weiterführende Schulen, die in einigen Klassen nach diesem Konzept arbeiten.

Der Klassenraum besteht aus verschiedenen Themenecken und Werkräumen. Dieses Konzept bietet die Möglichkeit, vielfältigen Interessen nachzugehen. Während die Kinder in einem Atelier schreinern, können wiederum andere Schüler in einer ruhigen Ecke das freie Schreiben vertiefen.

Eine Klasse umfasst im Durchschnitt etwa 15 bis 20 Schüler und wird durch einen Klassenrat, dem alle Schüler angehören, organisiert. Der Klassenrat stellt ein demokratisches Forum dar, welches wöchentlich tagt. Dabei hat der Lehrer wie jeder Schüler eine Stimme. Jeder Schüler erstellt einen individuellen Wochenplan, der unbedingt eingehalten werden muss.

Die Schuldruckerei

Eine eigene Schuldruckerei ist ein fester Bestandteil jeder Freinet-Schule. Mit Hilfe dieser können Schüler ihre Lerndokumente oder die Schülerzeitung herstellen.

Darüber hinaus findet jeden Morgen ein Morgenkreis statt. Dort besprechen die Schüler, welche Aufgaben und Projekte anstehen. Außerdem bietet der Morgenkreis die Gelegenheit, um Themen zur Bearbeitung zu finden. Daraufhin können Schüler ihre Vorträge halten oder ihr Projekt vorstellen.

Der Lehrplan ist auf die Wünsche und Bedürfnisse der Kinder ausgerichtet. Der Wochenplan beinhaltet sowohl Pflicht- als auch Freiaufgaben. Die Arbeiten können die Schüler alleine oder in einer Gruppe bearbeiten. Herkömmliche Fächer werden vor allem praxisorientiert ausgeübt.

Noten und Zeugnisse sind hingegen unerwünscht. Der Fortschritt wird mittels einer Leistungskurve oder durch eine Fertigkeitsbescheinigung festgehalten. Dazu gehört auch die eigenständige Auseinandersetzung mit Problemen und Defiziten.

Der Lehrer bzw. die Lehrerin hat indes die Aufgabe, die Kinder zu unterstützen und zu fördern. Er kann Aufgaben in den Bereichen zur Verfügung stellen, in denen noch Förderungsbedarf herrscht. Die Förderung muss jedoch ohne Zwang vonstattengehen. Obwohl die Lehrperson im Hintergrund koordiniert, steht sie eher als Unterstützer zur Seite.

Folgende Techniken und Methoden finden in Freinet-Schulen überwiegend Anwendung:

  • Klassenrat
  • Morgenkreis
  • Schuldruckerei
  • Arbeitsecken
  • Schülerkorrespondenz
  • Schuldruckerei
  • Forschungen und Exkursionen
  • Arbeitsplan
  • Klassenzeitung

5. Die Umsetzung der Freinet-Pädagogik in Kitas

Freinet-Pädagogik

Auch im Kindergarten finden Projektarbeiten statt.

Auch im Kindergarten steht die persönliche Entwicklung der kindlichen Persönlichkeit im Vordergrund. Die Kinder bestimmen ihren Tagesablauf selbst. In diesem spielen sowohl spielerische als auch lernspezifische Elemente eine Rolle.

Im Kindergarten sollen sich die Kinder mit den Sachen beschäftigen, die auch in ihrem alltäglichen Leben eine Rolle spielen. Die Kinder haben dabei, wie in der Schule auch, eine hohe Eigenverantwortlichkeit. Sie bestimmen ihren Tagesablauf selbst und spielen nach ihren eigenen Vorlieben.

Der Tagesablauf gibt keine festen Strukturen vor. Allerdings wird regelmäßig eine Kinderkonferenz abgehalten. In dieser besprechen alle Kinder zusammen, welche Wünsche und Bedürfnisse sie für den Tag haben. Daraufhin wird demokratisch darüber abgestimmt, welche Inhalte den anstehenden Kindergartentag füllen.

Alle Kinder dürfen die Räume frei nutzen. Daher sollten auch alle Spielsachen und sonstigen Materialien stets offen zugänglich sein. Projektarbeiten sind freiwillig und in erster Linie auf die Interessen der Kinder ausgerichtet.

Um die Interessen der Kinder abzudecken, gibt es verschiedene Räume.
Zu diesen zählen unter anderem:

  • Forschungsräume
  • Handarbeitsräume
  • Künstlerateliers
  • Gärten
  • Bewegungsräume
  • Ruheräume

Auch für die Essenszeiten gibt es keine einheitliche Regelung. Jedes Kind kann das Frühstück oder Mittagessen zu der Zeit einnehmen, zu der es den meisten Hunger verspürt.

6. Vor- und Nachteile der Freinet-Pädagogik

Das Interesse an dieser Methode wächst stetig weiter. Obwohl sich nicht mehr viele Lehrer mit den traditionellen Unterrichtsformen identifizieren, gibt es jedoch immer noch wenige, die diese Pädagogik tatsächlich realisieren. Laut Statistik gab es im Schuljahr 2016/2017 insgesamt etwa 33500 allgemeinbildende Schulen. Nur ein kleiner Prozentsatz dieser Schulen lehrt nach einem alternativen Schulmodell.

In wenigen Schulen setzen die Lehrer einige Ansätze der Freinet-Pädagogik um, jedoch in den meisten Fällen nur in Teilen, sodass das Prinzip lediglich eine Modernisierung, jedoch keine gänzliche Umgestaltung erfährt.

Wie bei jeder anderen Pädagogik auch gibt es bei der Freinet-Methode natürlich immer gewisse Vorzüge und Nachteile. Diese möchten wir Ihnen in der nachfolgenden Tabelle veranschaulichen.

  • Kinder können ihre Persönlichkeit frei entfalten
  • Die Tätigkeiten und Projekte können nach eigenen Interessen ausgesucht werden
  • Kinder werden sehr früh selbstständig und selbsttätig
  • Das Sozialverhalten wird gefördert
  • Kinder lernen automatisch die Grundprinzipien der Demokratie
  • Schüler und Kindergartenkinder freuen sich auf den Tag, da sie ihre Vorlieben ausleben können
  • Kinder tun am liebsten das, was sie am besten können, sodass Schwächen vernachlässigt werden
  • Dadurch, dass es keine Strukturen und Rituale gibt, fehlt einigen Kindern das Gefühl von Sicherheit
  • Die Methode setzt kompetentes und geschultes Personal voraus, welches es jedoch derzeit noch nicht gibt
  • schüchterne Kinder trauen sich oftmals nicht, ihre Bedürfnisse und Wünsche zu äußern
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